In meinen Arbeiten geht es mir um die grafische Abtastung menschlicher Spuren und deren  Übersetzung in einen imaginären, archäologischen Tiefenraum. Ich verwende dafür eigene Fotos von  Oberflächen und Strukturen aus meiner alltäglichen Umgebung. Auf diese Weise entstand innerhalb der  letzten Jahre ein stetig wachsendes Archiv von Vorlagen, die mir als Motive dienen. 

 

Aus diesem Archiv wähle ich Fotos eines bestimmten Themas aus, die mir interessant erscheinen und die ich  in der Zeichnung weiter ergründen und erforschen möchte. Bevor ich eine neue Zeichnung beginne, habe ich nur eine grobe Vorstellung davon, wie das fertige Bild aussehen könnte. Ich gehe sehr intuitiv vor. So wähle  ich ein Foto aus, das mich besonders fasziniert und beginne mit der Übertragung eines Ausschnitts mit dem  Bleistift auf das Papier. Von dort aus arbeite ich mich immer weiter vor, mache Halt, wenn mich ein Foto nichtmehr länger reizt, und wähle ein Neues aus, das ich mit der angefangenen Zeichnung kombiniere und  collagiere. Auf diese Weise verhält sich die Arbeit wie ein lebender Organismus, der stetig wächst und neue  Formen und Gebilde entwickelt, die sich von dem ursprünglichen Motiv immer weiter entfernen. Durch die  lang andauernde Konzentration auf das herangezoomte Foto am Monitor  verändert und schärft sich mein  Blick auf das Bild. Ich entdecke Details und Formationen, die auf den ersten Blick kaum sichtbar  waren. 

 

Der Ausgangspunkt meiner Arbeit waren Porträtzeichnungen. Irgendwann stellte ich fest, dass es vor allem  die Haut der Porträtierten war, die mich faszinierte, ihre Beschaffenheit und Muster, die in der Nahsicht einenendlosen und variationsreichen topografischen Raum eröffnet. Im Folgenden beschäftigte ich mich dann mit der mikrotexturellen Nähe dieses organismischen Raums zur Beschaffenheit anderer Materialien. So tauchte  ich in einem grafischen Aneignungsprozess, der viele Monate in Anspruch nahm, in die „Haut“ eines Tisches  ein, erforschte in einer stetig ansteigenden Arbeitsdauer die strukturellen Welten eines groben  Wandverputzes, eines Straßenbelags, Glas, und Papier. Dabei suche ich mir die Motive nie gezielt aus und  begebe mich nicht auf die Suche nach geeigneten Fotovorlagen - vielmehr begegnen sie mir zufällig, springenmich quasi an. Dieses Element des Unerwarteten, des Nicht-Intentionalen und Aleatorischen ist mir sehr  wichtig in meiner Arbeit. Es geht mir nicht um Inszenierung und Komposition, sondern um einen sich quasi  selbst steuernden morphogenetischen Prozess, um ein Zeichnen, das im Detail und im Moment mimetisch  erscheint, aber in der Dauer ein unendlich langsames, automatisches Schreiben ist.

 

Zeit spielt eine essenzielle Rolle in meinen Zeichnungen. Die Motive, die mich beschäftigen, repräsentieren  ganz unterschiedliche temporale Ebenen: Die Fließzeit eines Kaffeflecks auf den abrupten Kratzspuren in den über Jahrzehnte gewachsenen Maserungen eines Holztischs beispielsweise. Die lange Dauer der grafischen  Übertragung und Neuentwicklung transponiert diese Schichtungen dann in eine weitere Zeitebene. Die  Erfahrungen haben gezeigt, dass die Betrachter diesen Arbeiten dann mit ganz unterschiedlichen  Rezeptionszeiten begegnen. Manche versuchen sie wie eine Karte auf einen Schlag zu erfassen, viele jedoch  beginnen dann darin zu „lesen“ wie einen Roman.

 

Mich fasziniert die Tatsache, dass die Strukturen und Muster die mir als Vorlage dienen, spontan und  unkontrolliert entstanden sind, und sich stetig verändern und weiterentwickeln. Ich könnte sie ebenso zufällig und wahllos zeichnen, doch meine Intention besteht genau darin, sie so exakt in der Zeichnung  wiederzugeben, wie ich sie tatsächlich vorgefunden und mit der Kamera eingefangen habe. Mein Interesse  gilt diesem Gegensatz, dem Kontrast zwischen der zufällig und unbewusst entstandenen motivischen Vorlage und der Mutwilligkeit, die  diese durch deren grafische Übertragung erhält. 

 

Was alle Motive, die mir als Vorlage dienen miteinander verbindet, ist das Konservieren und Einfangen menschlicher Spuren. So beschäftigt mich seit einigen Jahren die mir allgegenwärtige Frage: Was bleibt von einem Menschen übrig? Seit jeher gilt mein Interesse den Zeichen und Abdrücken, die ein Mensch auf Erden  hinterlässt. Und seien es so banale Dinge wie Kratzspuren auf einem Tisch, ein von Rostspuren umsäumtes

Bohrloch in einem Stück Metall - Artefakte, die durch die vergangene Zeit ein eigenes Muster, eine neue Struktur entwickelt haben. Das Herauskristallisieren solcher (Zeit)-Spuren und (Zeit)-Zeugnisse von Menschen und deren  Essenz in Form einer Zeichnung, die  verschiedene Fotos dieser Spuren miteinander kombiniert, in eine weitere Ebene zu überführen, darin liegt der Kern meiner Arbeit.

 

Durch die konsequente Präzision und Exaktheit, die ich mir während des Zeichnens als Ziel setze, nimmt die  Arbeit an einem Bild sehr viel Zeit in Anspruch. Und so materialisiere und kondensiere ich meine eigene  Lebenszeit in der Übersetzung von dem Foto auf das Papier, ohne dies jedoch konzeptuell zu verfolgen. Es geht mir vielmehr darum, die Fotovorlage so genau zu erforschen, die Strukturen zu diagnostizieren und zu  analysieren, bis ich jedes noch so kleine Detail auf das Papier gebannt habe. So wie die Motive selbst Zeit  brauchten, sich zu entwickeln, wie ich sie letztendlich vorgefunden habe, können, je nach Format und Größe einer Zeichnung, viele Monate oder Jahre vergehen, bis sie für mich abgeschlossen ist.