Prof. Rolf Bier

Stuttgart 2012

 

Ines Spanier ist eine Studentin, die bereits im 2. Semester mit ihren ungeheuer konzentrierten  Zeichnungen aufgefallen ist und seitdem bereits einen ungewöhnliche und einen erfolgreichen Weg an  der Akademie gehen konnte (Akademiepreis, Walter-Stöhrer-Preis für Grafik, 2. Platz)

 

Ihre Art mit extrem feinen Bleistiften unterschiedlicher Härtegrade zu zeichnen, folgt einem obsessiven  Blick der Genauigkeit, mit dem die Oberfläche der Dinge geradezu mikroskopisch visuell „diagnostiziert“ werden.

 

In diesem Sinne ist dieser Blick tatsächlich eher pathologisch-medizinischen Analysen verwandt als  technischer Bildgebung durch das abtastende Scannen. Es geht nicht um eine pure, ästhetizistische  Auslösung in das bis ins Extrem ausdifferenzierte SchwarzWeiß harter Bleistifte, sondern um die zweite Wirklichkeit der Oberfläche: diese entpuppt sich trotz oder gerade wegen der Nahsicht als  außerordentlich weit entfernt und nicht mehr greifbar. Der Blick schwenkt von der Mikro- in die  Makroebene und Wände, Tischoberflächen, Straßenbeläge und andere Oberflächen wirken wie Karthographien einer Welt, die vielleicht noch irdischer, aber vielleicht auch kosmischer Natur sind. Das ganz besonders Nahe transmutiert in ein Mirakel der Fremde, in der nichts mehr selbstverständlich ist,  was es ist. Ines Spaniers Arbeiten zeigen uns das mit einer Stringenz, ohne die diese Erfahrung nicht zu haben ist.

 

Ines Spaniers Arbeit zeugt von großer Intensität, deren wahres Kontinuum die Geduld ist: den Dingen  Zeit zu geben, eh sie sich in das verwandeln können, was sie in sich tragen, was aber zunächst nicht sichtbar ist. Es bedarf hier den vor allem zeitlichen Einsatz und eine Präzision, die an keiner Stelle der  Zeichnung nachlassen darf.