Ursprüngliches Zeichnen: Notizen zum Schriftbild für Ines Spanier (Auszug)

 

Felix Ensslin

Stuttgart, 2012

 

Gerne komme ich der Anfrage nach, mich an einem Akt der Übersetzung zu beteiligen, der die  Ursprünglichkeit jedes kreativen Aktes als Übersetzungsakt thematisiert. Ursprünglichkeit heißt hier nicht Originalität im Gegenteil: Es ist gerade die Stärke der zeichnerischen Praxis von Ines Spanier, sich weit jenseits solcher banaler Fragen buchstäblich in die Arbeit zu stürzen. Das hat durchaus die Seite einer Obsession, aber es ist gerade die Frage: Besessenheit wovon und wodurch? Ines Spanier kann  monatelang an einer einzigen Zeichnung sitzen oder stehen: viele sind so groß, dass sie an der Wand  angebracht werden müssen - , die nichts anderes zeigt, vermutlich, als ein Vorgefundenes. Ein Rohr, durch das in einem Haus Wasser geführt wird, die Haut einer Frau, die in Ausschnitten und mit jedem einzelnen Haar gezeigt wird, die Oberfläche einer  Tischplatte oder eben: die Schriftzeichen der Blindenschrift, wie sie beispielsweise im Bus auftauchen. 

Das Zeichen der Vermittlung: die Schrift, am Ort der Öffentlichkeit: im Bus. 

 

Und doch bleibt beides rätselhaft, und vielleicht nicht nur für den der Brailleschrift unkundigen.  Spanier thematisiert hier offen die Bildlichkeit der Schrift. Und gibt uns damit einen anderen Blick auf dasSchriftbild an sich, das sich hier als ursprünglich seiner Vermittlungsfunktion beraubt offenbart. Ich selbstkenne Brailleschrift nicht. Ich weiß nicht, ob etwa metatextliche Verfahren wie die Kursivierung fremdsprachlicher Begriffe eine Entsprechung haben. Auch kenne ich die grammatische Struktur der Brailleschrift nicht: welche Gesetzmäßigkeiten wird diese Schrift weit jenseits aller Vorstellungen des Schreibenden ins Werk setzen?  Auch hier ist gerade die zurückgezogene und in sich versinkende Arbeitsweise von Ines Spanier  vielleicht ein Anzeichen, ein Symptom: Für die Entleerung jeder Absicht und die Automatik der  Wiederholung in der ursprünglichen Zeichnung von Gegebenem. Es ist ein fast a-subjektiver Vorgang, die Übertragung eines Textes von einer Form in die andere, fast wie ein Kopist, der die  Sprache nicht spricht, die er vervielfältigt. Soweit mir bekannt ist, hat auch Ines Spanier nicht zuerst  Brailleschrift gelernt, um dieses Buch zu schreiben, zu zeichnen. Als Kopistin par excellence zeigt sie auf, dass gerade darin eine ursprüngliche Arbeit liegt, so etwas wie ein ursprünglicher Kommentar.

 

(...) Der Buchstabe, als der Gegenstand des Schriftbildes, „bringt alle Wahrheitseffekte im Menschen hervor“, schreibt Lacan, „ohne daß der Geist sich auch nur im geringsten darin einmischen würde.“ Er fährt fort: „Diese Enthüllung hat sich Freud geoffenbart, und er nannte seine Entdeckung das Unbewusste.“  Wenn es manchmal der Ästhetik erscheint, dass das Bild näher an der Wahrheit sei als die Schrift, dann nicht, weil es besser abbildet oder näher an den unaussprechlichen Dimensionen der Absicht oder Intention  wäre. Sondern weil es wie das Schriftbild nicht etwas bereits Vorhandenes in ein anders Medium  umsetzt, sondern mit den Lücken – der Entzogenheit des Sinns – im Gegebenen arbeitet. 

 

Ines Spanier tut genau dies, wenn sie in doppelter Umsetzung Gegenstände fotografiert und dann, in zusammengesetzter und neuer Weise, aber auch treu und genau, diese in das Medium der Zeichnung  überträgt. Diese erscheint gerade durch ihre Treue zu Originalgrößen monströs, etwa wenn Spanier ein Abflussrohr in der Länge von mehreren Metern zeichnet, mit allen Kratzern, Dellen, Winkeln, Schatten,  die sie vorfindet. Jüngst hat die Künstlerin damit begonnen, die Oberfläche verschiedener  Holztischplatten zu fotografieren und dann die so wieder zusammengesetzten Fragmente der Platten  von den Fotografien abzuzeichnen: Hier haben wir Signifikanten, die jenseits der Bedeutung verharren. Sie rufen an, rufen auf: und öffnen sich für nichts als für einen Kommentar. Ines Spanier arbeitet an der Grenze des Schriftbildes: Sie zeigt die graphische Dimension der Zeichnung im Sinne des Buchstabens oder der Grammatologie der Kunst. Das Unaussprechliche daran ist nichts Ephemeres, der Sprache als solcher Entzogenes: sondern der ursprüngliche Akt der Kopie, der scheinbar das Subjekt ersetzt durch  eine quasi maschinenhafte Genauigkeit und Arbeitsform. Und genau in diesem Ausstreichen einer  offensichtlichen Dimension semantischer Absicht zeigt sich die Subjektivität nicht nur dieser Künstlerin,  sondern dann auch der Kunst selbst. Sie zeigt sich, indem in ihr die Doppelung geschieht, dass die  Zeichnerin vom Schriftbild aufgerufenen Schriftbildlichkeit produziert im Akt des Abzeichnens. Dass dies  nicht mimetisch ist: genau darin zeigt sich ein Träger, also ein Subjekt der Kunst, das jenseits aller  Absicht arbeitet.