Text zur Ausstellung "Mikrotexturen I"

 

Galerie Ursula Walbröl, Düsseldorf

Simon Lewis, Ines Spanier, Georg Lutz, Matthias Reinhold

03. Juli - 20. Juli 2013

 

Methodisches Vorbild für die neue Ausstellungsreihe "Mikrotexturen" sind die Arbeitendes seit  1995 im Galerieprogramm vertretenen Künstlers Simon Lewis, dessen bis  ins einzelne Pigmentkorn reichender malerischer Ansatz schon wegen seiner  konstitutiven Langsamkeit keinesfalls mit einem fotografischen Realismus  verwechselt werden sollte: Lewis führt exemplarisch  vor, wie Präzision in einer  heutigen Bildherstellung, wie er sie betreibt dazu geeignet ist, das  aktuelle  fotografische und computergrafische Modell in Frage zu stellen und in der  Betrachtung  eine medienreflexive Atmosphäre zu schaffen, die einen die Frage  stellen lässt, welche  "Bildauflösung" eigentlich die eigene Imagination hat. Lewis  wird zunächst als eine Art Mentor  dieses spezifischen Fokus fungieren und ein  bisher noch nicht gezeigtes Blatt aus dem  Zusammenhang seines  zeichnungspoetologischen "Book of Soundings" beitragen.

Welchen Platz lassen die aktuellen digitalen Bildästhetiken dem Zeichnerischen oder dem  Grafischen?


Unter dieser Frage ließen sich die weiteren Teilnehmer/innen der Ausstellungsreihe Mikrotexturen" verstehen. Weit jenseits nostalgischer Rückwendung hat in den oft  zeichnungsbasierten Ansätzen der aktuellen Reihe das Miniaturhafte nicht nur  rhetorische Funktionen, es verweist - selbst als Grafik immer auch auf die  erkenntnistheoretischen Grenzen der Handzeichnung als kommunikative  Geste. Es  entstehen sehr unterschiedliche mikrografische Texte und Texturen, die sich  mal der Schrift, mal der Kartografie, mal der Fotografie annähern. Immer aber ist mit der  nur aus der Nähe sichtbaren Qualität des "Handgemachten" ein Bezugsrahmen  aufgespannt, der die Scheinhaftigkeit jeder realistischen Bildevidenz herausstellt.  Verkleinerung, Verdichtung, Schichtung, Überlagerung - das sind die texturalen  Strategien der in dieser Reihe präsentierten Arbeiten, die immer wieder auch die  Nachbarschaft von Text und Textur, Schreiben und Schichten vermitteln.

 

In den bis in mit unbewaffneten Auge "unsichtbare" Bereiche vordringenden  Zeichnungen  von Ines Spanier ist vielleicht am direktesten erkennbar, wie die  künstlerische  Beschäftigung mit den Grenzen von Wahrnehmung und  Erkenntnisfähigkeit als individuelles  physisches und psychisches Erlebnis vermittelt werden kann, bei dem Zeitlichkeit und  Endlichkeit körperbezogenen Wahrnehmens imMittelpunkt stehen. Georg Lutz schafft in  seiner am Mikroskopischen orientierten  Wandarbeit ”Triptychon”, die mit verschiedenen  Sehvorrichtungen zwischen dem  Skulpturalen und dem Bildlichen changiert, eine  Gegenüberstellung konkreter und  medialer Sichtweisen, die in ihrem sprachanalytischen  Gestus an ästhetische  Strategien historischer Formen des Konzeptualismus (wie etwa Joseph  Kosuths "Oneand Three Chairs", 1965) denken lassen.

 

Aus dem Zusammenhang seines „ikonolog“ genannten zeichnerischen Bildatlas-Netzprojekts wird Matthias Reinhold eine Reihe von Blättern zeigen, auf denen die  Materialität verschiedener Erlebensebenen – Körper, Objekt, Bildoberfläche in je eigene Schraffur- und Linienidiome übersetzt wurde. Dem ikonologischen Zeichnen,  so wird erkennbar, entspringt nicht nur eine Verlängerung des enzyklopädischen  Zugriffs  auf die Welt, es ermöglicht auch die künstlerische Verfügung über die ganze Vielfalt  historischer Sprachen der Zeichnung, die von den ”Wall Drawings“ Sol  LeWitts bis zu den  nervösen Körperatlanten des Surrealisten Pavel Tchelitchew  reichen.