Prof. Alexander Roob

Stuttgart, 2012

 

Bereits in den beiden Grundsemestern hat sich Ines Spanier gegenüber ihren Kommilitonen durch eine  ganz bemerkenswerte Entschiedenheit der Haltung und eine entsprechende Konsequenz in der  Konzentration auf ihre Arbeit ausgezeichnet. Ihr Interesse gilt der zeichnerischen Erkundung materialer Strukturen und Spuren von menschen, die sie bis in den mikroskopischen Nahbereich hinein betreibt.  Das Moment der Zeitlichkeit spielt dabei eine entscheidende Rolle, sowohl in der Dauer der  Zeichenarbeit als auch in der Wahl der Motive. Es sind bevorzugt Materialien, die sich in einem Zustand der Verwitterung und der Auflösung befinden, Materialien an denen die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat.Die Reflexion von Vergänglichkeit als ein Grundthema in der künstlerischen Arbeit von Ines Spanier  geht auf eine minutiöse Beobachtung des eigenen Körpers zurück. In einer frühen Zeichnung von 2009  bildete sie ein einzelnes Körpersegment in der Gestalt einer sich vortexartig ausgedehnten  Hautlandschaft ab. Die kosmische und organismische Dimension, die ihre weiteren Arbeiten  auszeichnen, ist in dieser initialen Arbeit bereits vorgeprägt.

 

Ines Spanier betreibt keinen formelhaften Hyperrealismus, sondern entwickelt ihre Arbeit vor einem offenen Horizont der Selbsterfahrung und Selbsterforschung. In ihrer Zeichenarbeit entspricht diese Auslotungdes Inneren einer Obsession für eine potentiell infinite Durchdringung von Oberflächenstrukturen bis  hinein in einen unergründlichen Nanobereich. Dieser Drang nach Tiefenräumlichkeit verleiht den  Zeichnungen von Ines Spanier einen unverwechselbaren Anflug von Diaphanität und Fantastik. Die  fotografische Wirklichkeit erfährt hier eine Wendung in einen Bereich des informellen, in dem es kaum  mehr eine retinale Orientierung gibt. Die wiederholten motivischen Verweise auf Taktilität und Blindheit inihren Arbeiten führen zum Kern der Zeichnungen. Die Übersetzungsleistung, auf der sie beruhen und dieHermeneutik, die sie in Gang setzen werden in der jüngsten Arbeit thematisiert.

 

 

Ines Spanier ist eine Künstlerin in der Ausbildung, die sich nicht nur durch ein erstaunlich hohes  Reflexionsniveau und den Eigen- und Tiefsinn ihrer Arbeiten für ein Stipendium qualifiziert. Die  Radikalität und Konsequenz, mit der sie quasi im Selbstversuch Lebenszeit seismographisch verschriftetund damit quasi materialisiert und konserviert, ohne dabei einer eindimensionalen konzeptuellen  Rhetorik zu verfallen, sucht in der zeitgenössischen Kunst ihres Gleichen. Ich empfehle sie mit  allergrößtem Nachdruck