Ursprüngliches Zeichnen: Notizen zum Schriftbild für Ines Spanier von Felix Ensslin,

70 Blätter á 21 x 14,8 cm, Bleistift auf Papier, Tisch mit Text und Übersetzung, 2012

Text: Felix Ensslin

Übersetzung: Peter Beck


Ein gezeichneter Text in der Brailleschrift (Blindenschrift). Der Text, geschrieben von Prof. Felix Ensslin, befasst sich mit meiner Art des künstlerischen Schaffens und mit dem Konzept, welches hinter dieser Arbeit steht, sowie mit den Anfängen und der Geschichte des Schriftbildes. Dieser Ausgangstext wurde von einer

blinden Person mit einer Braille-Schreibmaschine in die Blindenschrift, also die Punktschrift, übersetzt. Die so entstandenen DinA4-Seiten dienten mir als Vorlage für die Zeichnungen.

Detail

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Text: 


Ursprüngliches Zeichnen: Notizen zum Schriftbild für Ines Spanier.

Felix Ensslin


„Ursprung, wiewohl durchaus historische Kategorie, hat mit Entstehung dennoch nichts gemein. Im Ursprung wird kein Werden des Entsprungenen, vielmehr dem Werden und Vergehen Entspringendes gemeint. Der Ursprung steht im Fluß des Werden als Strudel und reißt in seine Rhythmik das Entstehungsmaterial hinein.“

(Walter Benjamin, Ursprung des deutschen Trauerspiels) 


Gerne komme ich der Anfrage nach, mich an einem Akt der Übersetzung zu beteiligen, der die Ursprünglichkeit jedes kreativen Aktes als Übersetzungsakt thematisiert. Ursprünglichkeit heißt hier nicht Originalität – im Gegenteil: Es ist gerade die Stärke der zeichnerischen Praxis von Ines Spanier, sich weit jenseits solcher banaler Fragen buchstäblich in die Arbeit zu stürzen. Das hat durchaus die Seite einer Obsession, aber es ist gerade die Frage: Besessenheit wovon und wodurch? Ines Spanier kann monatelang an einer einzigen Zeichnung sitzen – oder stehen: viele sind so groß, dass sie an der Wand angebracht werden müssen –, die nichts anderes zeigt, vermeintlich, als ein Vorgefundenes. Ein Rohr, durch das in einem Haus Wasser geführt wird, die Haut einer Frau, die in Ausschnitten und mit jedem einzelnen Haar gezeigt wird, die Oberfläche einer Tischplatte oder eben: die Schriftzeichen der Blindenschrift, wie sie beispielsweise im Bus auftauchen. Das Zeichen der Vermittlung: die Schrift, am Ort der Öffentlichkeit: im Bus. Und doch bleibt beides rätselhaft, und vielleicht nicht nur für den der Brailleschrift unkundigen. Spanier thematisiert hier offen die Bildlichkeit der Schrift. Und gibt uns damit einen anderen Blick auf das Schriftbild an sich, das sich hier als ursprünglich seiner Vermittlungsfunktion beraubt offenbart. Ich selbst kenne Brailleschrift nicht. Ich weiß nicht, ob etwa metatextliche Verfahren wie die Kursivierung fremdsprachlicher Begriffe eine Entsprechung haben. Auch kenne ich die grammatische Struktur der Brailleschrift nicht: welche Gesetzmäßigkeiten wird diese Schrift weit jenseits aller Vorstellungen des Schreibenden ins Werk setzen? Auch hier ist gerade die zurückgezogene und in sich versinkende Arbeitsweise von Ines Spanier vielleicht ein Anzeichen, ein Symptom: Für die Entleerung jeder Absicht und die Automatik der Wiederholung in der ursprünglichen Zeichnung von Gegebenem. Es ist ein fast a-subjektiver Vorgang, die Übertragung eines Textes von einer Form in die andere, fast wie ein Kopist, der die Sprache nicht spricht, die er vervielfältigt. Soweit mir bekannt ist, hat auch Ines Spanier nicht zuerst Brailleschrift gelernt, um dieses Buch zu schreiben, zu zeichnen. Als Kopistin par excellence zeigt sie auf, dass gerade darin eine ursprüngliche Arbeit liegt, so etwas wie ein ursprünglicher Kommentar.


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Notizen zum Schriftbild4InesSpanierFINAL
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